Die Völkerwanderung 115 v.Chr. bis 7. Jh. n. Chr.

Definition und Gründe der Völkerwanderung

Unter der Völkerwanderung oder besser der germanischen Völkerwanderung versteht man die Wanderung verschiedener germanischer Stämme aus dem Norden und Osten Europas nach Westen und Süden in das Römische Reich, das unter dieser Wanderung zerbrach. Ein weiterer Grund waren die wenig vorteilhaften klimatischen Bedingungen, die den Ackerbau erschwerten, so dass die wachsende Bevölkerung nicht ernährt werden konnte.

Teutonen und KIimbern (120 bis 101 v. Chr).

Die Nordgermanen waren die ersten, die sich auf die Suche nach dem Dorado des Südens machten. Von römischen Händlern, die in den Norden kamen, um Bernstein und Felle zu kaufen, hatten Kimbern und Teutonen von den Verheissungen des Südens gehört. Aber auch ihre eigenen Kundschafter waren weit herumgekommen, bis an die Donau. Um 120 v. Chr. verliessen Kimbern und Teutonen ihre dänische Heimat und versetzten das Römische Reich in Angst und Schrecken. Historiker gehen heute davon aus, dass etwa hunderttausend Menschen sich dem großen Treck anschlossen. Die Nachricht von den sich nähernden Barbaren verbreitete Angst und Schrecken in Rom. Aus Jütland zogen Kimbern, Teutonen und Ambronen durch die Gebiete anderer germanischer Stämme: Die der Angeln, der Sachsen und Sueben. Entlang der Elbe führte sie ihr Weg weiter durch Böhmen. Immer Richtung Süden. Völkerwanderung, das hieß mühsam zu Fuß seinen Weg suchen. Tag für Tag, Monat für Monat, bei Wind und Wetter. Wo sie konnten, folgten die Wandernden den Flüssen, den alten Handelswegen. Sie gaben ihnen Richtung und Ziel. Die Flüsse konnten zugleich aber auch unüberwindbare Hindernisse sein, es sei denn, man fand eine Furt für die gefahrenvolle Durchquerung. Es konnte viele Tage dauern, bis der Treck solch einen Fluss passiert hatte. Pferde besaßen nur die Anführer. Zugtiere für die wenigen Karren mit all den Habseligkeiten der Auswanderer waren urtümliche Ochsen, langsam aber kräftig. Unübersehbar, 20 bis 30 Kilometer, zogen sich die Kolonnen der Kimbern und Teutonen dahin. Sie waren geflohen vor Hunger, Not und Elend. Aber wie ernährten sie sich unterwegs? Denn eigentlich waren sie ja Bauern und Hirten, keine Nomaden. Um zu überleben, wurde der Treck der Wirtschaftsflüchtlinge nicht selten zum Beutezug. Besonders wenn man auf schwächere Gegner stiess. Kein Bewusstsein für Kriegsverbrechen Germanen waren Feinde der Germanen. Sie schlugen sich gegenseitig die Köpfe ein und nahmen, was zu nehmen war. Herkunft und Abstammung, Blut und Rasse sagten ihnen nichts. Schnell wurden aus Gegnern Verbündete, aus Freunden Feinde. Wenn der Hunger übermächtig wurde, musste Beute gemacht werden. Ein Bewusstsein für Kriegsverbrechen gab es in der Antike nicht. Plünderung, Raub, Versklavung und Brandschatzung waren nicht geächtet. Alle taten das. Und wie die Römer, machten auch die Kimbern vor nichts und niemandem Halt. Denn anders als Nationalisten und Rassisten es ihnen nachsagen, hatten die Germanen mit Abstammung und Herkunft, mit Blut und Rasse nichts im Sinn. Das germanische Wort "Volk" meint einen Kriegshaufen, der folgt. Und so wurden sie, je länger und weiter sie zogen, desto zahlreicher. 1.600 km von der Heimat entfernt kamen die Kimbern ins Donaugebiet, ins heutige Ungarn und Rumänien. Dort stießen sie auf das keltische Volk der Skordisker und auf die Thraker. Von der Donau zogen die Kimbern weiter. Ein Stein und das frische Blut von Gefangenen dienten als Wegweiser. So ist es überliefert. In den Voralpen trafen Kimbern und Römer erstmalig aufeinander. Die erste Schlacht mit den Kimbern und Teutonen im Jahre 113 vor Christus würden die Römer nie vergessen: Noch lange fürchteten sie den Furor Teutonicus, das Wüten der Germanen. Dann aber büßte der Konsul Carbo seine Hinterlist mit schweren Verlusten. Ruhmlos wurden seine Legionen aufgerieben. Zersprengt flüchteten die Römer in die Wälder. Aber ausgerechnet ein Gott der Barbaren kam den Römern zu Hilfe. "Furchtlos seien die Germanen". Nur Blitz und Donner fürchteten sie panisch, sie hatten Angst, ihr Gott Donar ließe den Himmel einstürzen. Nach dem historischen Sieg in Noreia fielen die Kimbern und Teutonen in Gallien wie eine unaufhaltsame Wetterwolke ein. Schlacht um Schlacht versuchen römische Legionen den Heereszug aufzuhalten. Ohne Erfolg: Zehn Jahre lang verbreiten Kimbern und Teutonen Angst und Schrecken im Römischen Reich. Erst als der Treck sich teilt, gelingt es dem Konsul Marius die Teutonen bei Aix-en-Provence zu vernichten. Die Kimbern aber zogen wieder über die Alpen, ihr Ziel: die fruchtbare Poebene. Über 7.000 Kilometer Weg hatten sie durch ganz Europa zurückgelegt, ohne eine Heimat zu finden. 19 lange Jahre waren sie bereits unterwegs. Kimbern hatten sich den Römern in offener Feldschlacht gestellt. Aber der Übermacht waren sie unterlegen. Wer nicht im Kampf gefallen war, entleibte sich selbst mit seinem Schwert. Die Kimbern wollten nicht in Ketten, mit Schmach und Schande, durch Rom geführt werden, sie wollten nicht verhöhnt und bespuckt werden, nicht als Sklaven enden. Freiheit oder Tod. Sie waren frei und wollten es bleiben. Marius ließ sich als Retter Roms feiern. Das Volk der Kimbern aber, das der Suche nach einem besseren Leben aus dem Norden ausgewandert war, wurde im Jahre 101 vor Christus ausgelöscht.
Cherusker und die Varusschlacht (Jahrundertwende)

In Germanien reichte die Herrschaft des Imperiums über den Rhein bis an die Elbe. 9 nach Christus sollte Varus mit drei Legionen das besetzte Germanien für Rom sichern. Die Mission endete in einer Katastrophe. Im Jahr 9 n. Chr. vernichteten die Cherusker unter Arminius drei römische Legionen im Teutoburger Wald: für die Weltmacht ein militärisches Fiasko. "Dieses finstere Land mit seinen unberechenbaren Einwohnern war nicht das Blut eines einzigen Legionärs wert", meinte Kaiser Tiberius der Nachfolger des grossen Augustus. Die Legionen wurden aus dem Land der Germanen abgezogen und an Rhein und Donau zurück verlegt. Dennoch, die Verhältnisse blieben instabil. Nach der Varusschlacht also fand die römische Weltherrschaft an Rhein und Donau ihre Grenze. Aus den Garnisonen wie Xanten, Köln und Mainz, wurden die ersten Städte der römischen Provinzen am Rhein. Die anschließende Eroberung der gebiete zwischen Rhein und Elbe (Siedlungsgebiet der Germanen) wurde aufgegeben. Die Römer verschanzten sich defensiv hinter Schutzanlagen (= Limes). Im heutigen Köln errichteten die Römer schon um Christus Geburt ein Stadt die Rom gleichen sollte, um von da aus die Germanen zu regieren. Im Osten betrat ein mythisches Volk die Geschichtsbühne: Die Goten errichteten ein Machtzentrum am Schwarzen Meer.

Erste Völkerwanderung ab dem 2. Jh. n. Chr. bis 4. Jh.

Ab etwa der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. zogen die Goten, die von Skandinavien (Schweden) an die untere Weichsel gekommen waren, in den Schwarzmeerraum und lösten damit die erste größere germanische Wanderungsbewegung aus: Sie drängten die Wandalen und die Markomannen nach Süden ab und die Burgunder nach Westen. Ebenfalls ab der Mitte des 2. Jahrhunderts wanderten die Langobarden von der Unterelbe allmählich nach Mähren und Pannonien ab.

Seit Beginn ihrer großen Wanderungen überschritten germanische Stämme – zunächst meist noch ohne nachhaltige Wirkung – immer wieder die Grenzen des Römischen Reiches; so drangen z. B. die Chatten um 160 über den Limes und die Markomannen 166 über die Donau vor; die Goten unternahmen um die Mitte des 3. Jahrhunderts von der unteren Donau aus Raubzüge bis nach Makedonien und Kappadokien, und etwa gleichzeitig fielen die Franken am Niederrhein in Gallien ein und die Alemannen in Norditalien. Während der folgenden 100 Jahre lassen sich keine markanten Völkerverschiebungen beobachten; verschiedene Germanenstämme wurden als Bundesgenossen (Foederaten) an den römischen Grenzen angesiedelt, und einige Germanen gelangten in Heer und Verwaltung des Römischen Reiches zu einflussreichen Positionen. Die Legionen Roms bestanden zu großen Teilen aus germanischen Söldnern. Diese trugen die Kunde der Zivilisation Roms und die technischen Leistungen in die unterentwickelten germanischen Gebiete.

Zweite und eigentliche Völkerwanderung ab dem 4. Jh. n. Chr. bis 7. Jh.

Die zweite (und eigentliche) Völkerwanderung wurde ausgelöst durch den Vorstoß der Hunnen nach Europa. In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts drangen die Hunnen nach Südrussland vor und verursachten damit Fluchtbewegungen mehrerer germanischer Stämme und Völkerschaften, die sich wellenartig über Süd- und Westeuropa ausbreiteten.

Ost- und Westgoten

375 besiegten die Hunnen die Ostgoten und verdrängten die Westgoten. Die Ostgoten hatten zu den ersten Völkern gehört, über die die Hunnen im Jahre 375 herfielen. Ihr legendärer König Ermanarich war wegen seiner kriegerischen Taten gefürchtet. Er regierte über ein riesiges Reich. Aber die Hunnen hatten schon die Nachbarstämme überfallen, beraubt und unterworfen. Ermanarich wusste, auch seine Ostgoten würden die Freiheit verlieren. Er selber, so erzählt es Ammianus Marcellinus, wollte das weder erleben noch verantworten: Angesichts der Schrecklichkeit der drohenden Gefahren und aus Furcht vor den großen Entscheidungen, setzte er seinem Leben ein Ende. Er starb, weil er das Wüten der Hunnen nicht ertragen konnte. Sein Tod jedoch gab ihnen die Macht über sein Volk. Die Ostgoten verbündeten sich mit den Hunnen während die Westgoten ins Oströmische Reich auswichen. Die Donau in Budapest war einst Grenze des Römischen Reiches. Nachdem die Hunnen die Goten nördlich der Donau vertrieben hatten, wurde dieser Teil Ungarns zu ihrem Reich. Es ist der Beginn der großen Völkerwanderung. Gut hunderttausend Kinder, Frauen und Männer, darunter zehntausende Krieger, sind auf der Flucht vor den Hunnen. Die Vertriebenen werden im Römischen Reich aufgenommen. Sie müssen sich zwar Rom unterwerfen, dürfen aber all ihre Waffen behalten. Denn das Imperium war auf das Heer der Westgoten angewiesen. Die Westgoten wollten Reichsangehörige werden, am Wohlstand und den Errungenschaften der römischen Zivilisation teilhaben. Die Westgoten waren die ersten Germanen, die als Bündnispartner Roms im Imperium sesshaft wurden, als Staat im Staate. Südlich der Donau wurden sie als wehrhafte Mauer des Reiches gegen die Hunnen angesiedelt. 378 fügten die Westgoten dem römischen Kaiser Valens bei Adrianopel eine Niederlage zu, zogen dann durch den Balkan und die Peloponnes, fielen Ende des 4. Jahrhunderts unter ihrem König Alarich I. in Italien ein und nahmen 410 Rom ein. Anschließend zogen sie freiwillig nach Gallien, errichteten dort im Südwesten das Tolosanische Reich (benannt nach der Hauptstadt Tolosa = Toulouse) und begannen auch auf die Iberische Halbinsel überzugreifen. Nach und nach legen sie die germanischen Sitten ab und nahmen die römischen Gesetzte und Sitten war. Die Einwanderer müssen im Einvernehmen mit den Einheimischen gelebt haben. Unter Eurich erreichte das Tolosanische Reich um 475 den Höhepunkt seiner Macht und seine grösste Ausdehnung. Eurichs Nachfolger Alarich II. wurde 507 von den Franken besiegt und auf die Iberische Halbinsel als Herrschaftsbereich verdrängt; 200 Jahr später, mit dem Sieg der Araber über die Westgoten 711 endete das Westgotenreich in Spanien. Den weiteren Vormarsch der Araber stoppte der Franke Karl Martell.

Unterdessen hatten die Hunnen ihren Herrschaftsbereich sukzessive erweitert; Mitte des 5. Jahrhunderts reichte er vom Kaukasus bis zu Donau und Rhein. Unter Attila fielen sie in Gallien ein, wurden 451 von Römern, Franken, Burgundern und Westgoten auf den Katalaunischen Feldern bei Paris geschlagen und wichen 452 nach Italien aus. Nach Attilas Tod 453 zerfiel das Hunnenreich.

Nach dem Untergang der Hunnen zogen die verbündeten Ostgoten nach Italien. Vom Balkan aus erweiterte der ostgotische König Theoderich seine Herrschaft bis nach Italien, ins Herz des Imperiums. Der Historiker Prokop schrieb: "REX THEODERICUS, der fromme Herrscher. 476 setzte der Germane Odoaker den letzten weströmischen Kaiser Romolus Augustulus ab und liess sich zum König in Italien proklamieren; 477 nahm er den Wandalen Sizilien ab. 489 besiegten die Ostgoten unter Theoderich dem Großen den Germanenführer Odoaker und errichteten in Italien das Ostgotenreich. Über seine Untertanen regierte er mit allen Eigenschaften, die jemandem zukommen, der von Natur aus Kaiser ist." Im Jahr 493 machte Theoderich Ravenna zu seiner Residenz. In keiner Stadt gibt es so viele architektonische Zeugnisse der Germanen. Ravenna ist berühmt für seine Kirchen und Mosaiken. Sie erzählen vom "Goldenen Zeitalter" der Ostgoten in Italien. Von ihrem Glauben zeugt das "Baptisterium der Arianer", die Taufkapelle, die Theoderich bauen ließ. Die Ostgoten waren seit langem Christen. Allerdings keine römischen Katholiken, sondern Arianer. Sie glaubten nicht an die Heilige Dreifaltigkeit. Für sie war Jesus dem Gottvater nicht gleichgestellt. Für die römisch-katholische Kirche war das Gotteslästerung, schlimme Irrlehre und frevelhafte Ketzerei. Die Goten indes waren toleranter gegen Andersgläubige. Das Mausoleum Theoderichs ist die einzig erhaltene Grablege eines Königs aus der Völkerwanderungszeit. Er starb im Jahre 526. Drei Jahrzehnte lang hatten Frieden und Gerechtigkeit geherrscht. Selbst die römischen Untertanen empfanden die Herrschaft des "Barbarenkönigs" als "Goldenes Zeitalter". Das Ostgotenreich überlebte seinen Gründer nur 26 Jahre. Danach verschwanden die Ostgoten aus der Geschichte. 552 schlug der byzantinische Feldherr Narses die Ostgoten unter Totila und beendete damit das Ostgotenreich in Italien. Die Byzantiner blieben in Italien bis die Franken sie vertrieben. Einige Gebiete mussten Sie schon sehr bald wieder abgeben - im Norden herrschten die Langobarden und im Süden kamen die Araber (Sizilien).

Wandalen und Sueben; Ihr Weg nach Afrika

Die Wandalen, ursprünglich wahrscheinlich aus Jütland stammend und von den Goten in das Gebiet zwischen oberer Weichsel und Oder abgedrängt, drangen zu Beginn des 5. Jahrhunderts zusammen mit Teilen der Sweben in Gallien ein und erreichten um 409 die Iberische Halbinsel; ab 429 wanderten sie, von den Westgoten bedrängt, unter ihrem König Geiserich nach Nordafrika ab, eroberten 439 Karthago (Tunesien) und begründeten das Wandalenreich.Geiserich hatte für die Überfahrt über das Mittelmeer alle zählen lassen: 80.000 folgten dem grossen Treck der Vandalen durch Afrika. Mit der Eroberung von Karthago gründeten sie ein mächtiges zivilisiertes Reich. 455 plünderten die Wandalen Rom, und 456 eroberten sie Korsika und Sardinien. Sie waren arianische Christen wie die meisten germanischen Völker, weshalb sie von den Christen verfolgt wurden. Das römische Dougga in Tunesien (Bild links oben). In Städten wie dieser lernten die Vandalen die römische Zivilisation schätzen. Von "Vandalismus" keine Spur; die Stadt verfiel mit der Zeit. Im Schatten des Capitols werden sie die Sprache der Einheimischen gelernt haben. Gegenüber die Thermen von Dougga mit Dampfbädern und Massageräumen. Als sie Afrika eingenommen hatten, nahmen sie täglich warme Bäder und lebten in prachtvollen Villen. Für die Vandalen war Afrika Arcadien - das Paradies auf Erden. "Vandalismus" steht bis heute für blinde Zerstörungswut. Zu Unrecht. Warum hätten sie zerstören sollen, was sie - nach Art der bewunderten Römer - bewohnen wollten. 534/35 zerschlug der byzantinische Feldherr Belisar das Wandalenreich in Nordafrika. Die Wandalen übernahmen die Strukturen der Römer in Karthago (Tunesien). Sie zerstörten nicht die Städten wie oftmals fälschlicherweise angenommen wird. Bild unten Kathago.

Jüten, Angeln, Sachsen - Die Reise nach England

Abertausende Lanzen, Schwerter und Schilde wurden um 360 im Moor versenkt. Heute weiss man, sie waren Dankesopfer der Angelsachsen für ihren Kriegsgott Odin. Eine interessante Entdeckung machte der Archäologe Michael Gebühr: Was bisher für Korrosion gehalten wurde, sind in Wahrheit Spuren mörderischer Kämpfe. An einer Lanze war die Spitze umgebogen - an einer Schneide fand er Scharten tödlicher Hiebe. Indizien für eine äußerst kriegerische Zeit Mitte des 4. Jahrhunderts. Der Waffenfund im Nydam-Moor ist der größte und bedeutendste der Völkerwanderungszeit. Um die Kriegsgötter gnädig zu stimmen, versenkten die Angelsachsen ihre wertvolle Beute im Moor, zusammen mit einem Kriegsboot. Denn sie waren nicht nur raue Krieger, sondern auch geübte Seefahrer. Eines ihrer Schiffe ist in Schleswig zu sehen. 1860 wurde es im Nydam-Moor entdeckt. Die germanischen Jüten, Angeln und Sachsen wanderten um die Mitte des 5. Jahrhunderts in Britannien ein und besetzten große Teile des Landes, das bereits vorher von den Römern geräumt war. Nach England kamen sie aber nicht, wie oft zu lesen ist, als Eroberer: Es waren die Briten selbst, die sie um das Jahr 430 als Söldner herbeiriefen. Doch die Völkerwanderung übers Meer begann schon viel früher: Bereits seit dem 3. Jahrhundert wanderten Jüten, Angeln und Sachsen in kleinen Gruppen ein. Als aber Rom um 400 die Insel aufgab, waren die Briten auf die Hilfe der germanischen Krieger angewiesen. Im Norden der Insel befinden sich noch Überreste des Hadrianswalls. Nach Abzug der römischen Legionen lag es an den Angeln und Sachsen, das Land zu verteidigen. Man könnte sagen, es ist der Beginn der englischen Nationalgeschichte. Zu dieser Zeit gab es Dutzende von Königreichen und alle Kämpften gegeneinander. Dass sie schnell Herren des Landes wurden, davon zeugen die Grabhügel von Sutton Hoo. Hier wurde 625 Redwald bestattet, der König von East Anglia. Als Erinnerung an die Völkerwanderung der Angelsachsen über das Meer, ließ er sich in einem Schiff beisetzen. Die Abdrücke des Boots blieben unter dem Grabhügel erhalten. Solche Schiffsgräber kennt man sonst nur aus Skandinavien. König Redwald machte es zu einer Art Testament, sagt der Archäologe Martin Carver. Funde aus König Redwalds Grab: ein Trinkhorn mit kunstvollen Silberbeschlägen für Gelage im Jenseits. Redwald hatte sich taufen lassen. Aber angesichts des Todes bekannte er sich wieder zu den germanischen Göttern. Die Romanisierung hatte sie in Nordeuropa nie erreicht. Sie waren und blieben Germanen. In West Stow wurde 1965 eine Siedlung angelsächsischer Einwanderer ausgegraben und rekonstruiert. Ihre Häuser bauten sie aus Holz, wie einst in ihrer Heimat in Dänemark und Norddeutschland. Die römische Zivilisation interessierte die Angelsachsen nicht, die Städte liessen sie verfallen. Genetische Vergleiche zwischen Verstorbenen und Lebenden bestätigen das. Der Molekularbiologe Marc Thomas fand heraus, dass sich die Angelsachsen mit den Briten schnell vermischten. Dabei löschten sie die einheimische Bevölkerung nicht einfach aus, wie früher behauptet wurde. Allerdings mussten die britischen Männer als unfreie Knechte unter den neuen Herren leben. Sie übten Gewalt gegen die britischen Männer, doch mit ihren Frauen machten sie Liebe. So setzten sich auch die Gene der Einwanderer auf der Insel durch. Die Angelsachsen wurden zu den Herren des Landes. Ein weiteres Symbol ihrer Macht ist Redwalds magischer Helm (Bild rechts), gefunden in dem Grab von Sutton Hoo. Vorbilder dafür fand man auch in Skandinaven, den "Verbündeten" der Angelsachsen. Spuren auf dem einmaligen Gesichtshelm beweisen: König Redwald muss ihn wohl auch im Kampfe getragen haben. Die eingewanderten Angelsachsen waren Bauern und Krieger zugleich. Immer wenn ihr König sie rief, verliessen sie ihre Äcker und Weiden und folgten ihm in die Schlacht. "Bretwalda", den "Weithin-Herrschenden" nannten sie ihren obersten König. Allerdings galten bei den Angelsachsen schon 80 Mann in Waffen als ein grosses Heer. Es bestand aus freien Männern. Sie erhoben die Tapfersten und Edelsten unter ihnen zu Königen. Ein freier Mann unterstellt sich seinem "Schutzherren": Die Gefolgsmänner verpflichten sich, dem König zu dienen, sie geloben, mit ihm in den Krieg zu ziehen und sein Reich zu verteidigen. Dafür verspricht ihnen der König Schutz und Unterhalt. Ein Verhältnis, das auf Gegenseitigkeit beruht. Aus dem germanischen Gefolgschaftswesen der Völkerwanderungszeit entstand das Lehnswesen des Mittelalters. Mehr als ein Jahrtausend wird es die Gesellschaft Europas bestimmen. England war ein Land vieler Warlords. Mehr als ein Dutzend angelsächsischer Königreiche zählte man um 600 nach Christus. Einige zuviel. Ein gnadenloser Ausscheidungskampf begann, ein endloses Morden und Hauen und Stechen fand unter den Hooligans der Könige statt. Fair play war noch nicht erfunden. In der Chronik der Angelsachsen steht: "Ethelfried schlug sich mit Redwald, Edwin mit Cadwallon, Äthelwald mit Cynegils, Oswy mit Penda. Ostanglien kämpfte gegen Nordhumbrien, Wessex gegen Mercia, Kent gegen Sussex. Dann Kent und Sussex gegen die Insel Wight." Tausende Angelsachsen liessen ihr Leben - im Kampf gegen ihre eigenen Brüder. England legte einen langen, blutigen Weg zu seiner Einheit zurück. Ende des 7. Jahrhunderts zählte man immer noch sieben Königreiche. Eines der mächtigsten Reiche, East Anglia, hatte mal König Redwald gehört. In einer Zeit des Umbruchs war er seinem alten Glauben treu geblieben. Damit entschied er sich gegen den Kontinent und für eine Art Inselmentalität, meint der britische Archäologe Carver: "Das war der Schlüsselmoment für die Geburt Europas, zumindest sofern es die britische Insel betraf. Es galt eine schwere Entscheidung zu treffen: Sollen wir mit dem christlichen Machtblock auf dem Kontinent gehen, oder mit den Verbündeten, den Freunden auf der anderen Seite der Nordsee? Eine sehr schwere Entscheidung. In gewisser Weise wurde das nie entschieden, die Briten sind sich bis heute nicht sicher, was das betrifft."

Aber es gab keine kirchliche Einheit: So wurde zum Beispiel in Withby, im Reich des König Oswiu, zweimal Ostern gefeiert: einmal nach irisch-schottischem, einmal nach römisch-katholischem Kalender. Und man musste am Hof zweimal fasten. Um diesen Missstand zu beheben, sollte die irische und die römische Kirchenpartei dem Könige ihre Argumente vortragen: Deshalb rief er im Jahre 664 zu einer Synode nach Withby. Ein Disput mit "welthistorischen Folgen". Der irische Mönch Colman brachte vor: "Ostern begehe ich an dem Tag, an dem ihn alle meine Gott wohlgefälligen Vorfahren gefeiert haben und wie es uns der Evangelist Johannes gelehrt hat." Es sei seltsam, befand er, dass die Römer an ihrem Brauch Anstoß nehmen. Aus der Sicht Roms war das sektiererischer Provinzialismus. Wilfrid, der Abgesandte des Papstes, entgegnete: "Wir feiern Ostern wie es uns der Apostel Petrus lehrte. Und so wird es befolgt in Rom, in Africa und Asien, in allen Ländern und allen Sprachen der Kirche Christi, am selben Tag zur selben Zeit. Außer von jenen Scoten und Briten, die auf dieser entlegenen Insel gegen den Rest der Welt opponieren." Colman berief sich auf Johannes, den Lieblingsapostel Jesu. Petrus sei der Erste unter den Aposteln. Für König Oswiu war klar, Petrus, dem Himmelspförtner, wollte er gehorchen. Damit wurde - im Jahre 664 im Kloster von Withby - nicht nur die Frage entschieden, wann das Osterfest zu feiern ist. Sondern es fiel auch die Entscheidung für das Papsttum in Rom. "Tu es Petrus: Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen." Die Vorstellung der Angelsachsen, Petrus höchstpersönlich öffne ihnen mit seinem Schlüssel das Himmelstor, nahm sie auch für seine Nachfolger, die Päpste, ein. Viele Angelsachsen pilgerten fortan nach Rom zum "Petrusstuhl", zum Stellvertreter Gottes auf Erden. So waren es ausgerechnet die Angelsachsen, die dem Bischof von Rom, dem Papst, zu seiner universellen Macht verhalfen. Colman berief sich auf Johannes, den Lieblingsapostel Jesu. Petrus sei der Erste unter den Aposteln. Für König Oswiu war klar, Petrus, dem Himmelspförtner, wollte er gehorchen. Damit wurde - im Jahre 664 im Kloster von Withby - nicht nur die Frage entschieden, wann das Osterfest zu feiern ist. Sondern es fiel auch die Entscheidung für das Papsttum in Rom. "Tu es Petrus: Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen." Die Vorstellung der Angelsachsen, Petrus höchstpersönlich öffne ihnen mit seinem Schlüssel das Himmelstor, nahm sie auch für seine Nachfolger, die Päpste, ein. Viele Angelsachsen pilgerten fortan nach Rom zum "Petrusstuhl", zum Stellvertreter Gottes auf Erden. So waren es ausgerechnet die Angelsachsen, die dem Bischof von Rom, dem Papst, zu seiner universellen Macht verhalfen. Ich werde weiter unten weiter über die Geschichte Englands berichten, selbstverständlich über alle Epochen. Streiterei zwischen Irisch-schottischem, und römisch-katholischem Kalender; Johannes und Petrus.

Jesus zu Petrus: "Du bist Petrus, auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen und Dir will ich den Schlüssel zum Himmelreich geben."

Franken

Die Bekehrung zum Christentum, die Abkehr von den germanischen Göttern, fand auch bei den Völkern statt, die es vorher zutiefst abgelehnt hatten. Davon zeugt die Kathedrale von Reims. Ende des 4. Jahrhunderts waren die Franken über den Rhein gekommen, um die römische Provinz Gallien in Besitz zu nehmen. Tief in den Fundamenten der Kathedrale sind noch Relikte der römischen Thermen, der öffentlichen Bäder, zu finden. Bei neueren Untersuchungen stießen Archäologen auf ein kleines Wasserbassin, was man zunächst für ein schlichtes Badebecken der Römer hielt. Dann stellten sie erstaunt fest, dass es nicht römisch ist, sondern aus der Völkerwanderungszeit stammt. Es war am Weihnachtstag - wohl des Jahres 496 nach Christus - als der fränkische König Chlodwig vor Remigius, den Bischof von Reims traf. Chlodwig - so ist überliefert - hatte gelobt, sich taufen zu lassen, wenn er in der Schlacht bei Zülpich gegen die Alemannen siege. Er hatte gesiegt. Bis zum Tag seines Sieges im Zeichen des Kreuzes hatte Chlodwig - wie alle seine Ahnen - an Wodan und Odin geglaubt. Den heidnischen Göttern schwor er jetzt endgültig ab. Clodwig ist der erste germanische König, der sich römisch-katholisch taufen liess. Eine Taufe mit "welthistorischer Bedeutung". Wie ihr König, bekannten sich noch am gleichen Tag in Reims 3.000 fränkische Krieger zum Christentum. Der neue Glaube wurde zur Staatsreligion im gesamten Abendland. Und auch die Franken, die neuen Christen, wurden Erben des zerfallenden Imperiums und Gründer eines neuen und modernen Reiches, mit seinem Kaiser Karl dem Grossen. Karl als Cäsar ließ sich wie Kaiser Marc Aurel zu Pferde darstellen. Am Weihnachtstag des Jahres 800 krönte ihn der Papst zum Kaiser: "Lenker des Römischen Reiches" nannte er sich. Er schuf das grösste und beständigste Reich der Völkerwanderung. Zeitgenossen nannten ihn "pater europae, Vater Europas". Mit den germanischen Reichen, der West- und Ostgoten, der Franken und Angelsachsen, und den Reichen östlich des Rheins, bildeten sich die späteren Nationen Europas heraus. Ich werde weiter unten weiter über die Geschichte der Franken berichten, deren Aufstieg über Karl der Grosse und die Teilung des Frankenreiches - die Entstehung von Deutschland und Frankreich.

Die Langobarden

568 fielen die Langobarden von Pannonien aus unter ihrem König Alboin in Norditalien ein und errichteten hier, ohne dass Byzanz es verhindern konnte, das Langobardenreich, das bis zur Eroberung durch Karl den Grossen Bestand hatte. Mehr über die Langobarden weiter unten, Kapitel Italien nach der Völkerwanderung.

Die germanische Völkerwanderung veränderte das Gesicht des spätantiken Europa grundlegend: Die germanischen Stämme verlagerten sich nach Westen und Süden, und in den dadurch frei werdenden Raum in Mittel- und Osteuropa drängten slawische Völker nach. Die West- und Südwanderung der Germanen trug entscheidend zum Untergang des Weströmischen Reiches bei und mündete in der Herausbildung neuer, germanisch dominierter Staatswesen auf dem Boden des ehemaligen Weströmischen Reiches. Obwohl von all den neu errichteten Staaten nur dem Westgoten-, dem Langobarden, dem angelsächsischen und vor allem dem Frankenreich eine längere Dauer beschieden waren, prägten die Bevölkerungsverschiebungen doch nachhaltig die politische, soziale und kulturelle Struktur des mittelalterlichen Europa.

 
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